Schimmel erkennen und bewerten

Ein dunkler Fleck an der Wand ist die einfache Variante. Schwieriger ist die Frage, ob hinter Tapeten, unter Estrich oder in Hohlräumen weiterer Befall sitzt, wie groß die Belastung tatsächlich ist und ob die Sanierung wirklich gewirkt hat. Drei Ebenen helfen bei der Antwort: das eigene Auge, die Nase und messtechnische Verfahren. Visuelle Beurteilung, Geruch als Indikator, Materialprobe, Klebebandabriss und Raumluftmessung leisten jeweils Unterschiedliches und ergeben gemeinsam ein belastbares Bild.

Sichtbarer Befall, was er aussagt

Beim sichtbaren Befall ist die naheliegende Frage „wie schlimm ist das jetzt?”. Die ehrliche Antwort: die Farbe sagt wenig über die Art und damit auch wenig über die gesundheitliche Bedeutung. Auch ein gefährlicher Stachybotrys kann harmlos wirken, ein optisch dramatischer schwarzer Fleck kann ein verbreiteter Aspergillus sein. Was sich dagegen sehr wohl bewerten lässt, ist die Fläche und die Tiefe des Befalls. Genau darauf zielt die Einteilung im UBA-Schimmelleitfaden ab.

Der Leitfaden unterscheidet grob drei Größenklassen, von kleinen oberflächlichen Befallsstellen über mittelgroße bis zu großflächigen oder tiefer in das Material eindringenden Befällen. Bei kleinen, oberflächlichen Stellen ist oft eine kontrollierte Selbsthilfe möglich. Bei mittleren bis großen oder tief eingewachsenen Befällen ist eine fachgerechte Sanierung mit Schutzmaßnahmen die richtige Antwort. Die Einordnung im Einzelfall trifft idealerweise eine fachkundige Person nach Vor-Ort-Begehung.

Ein wichtiger Punkt zur sichtbaren Beurteilung: was Sie sehen, ist meist nur die Spitze des Eisbergs. Wenn an einer Tapetenkante 10 mal 10 Zentimeter Schimmel sitzen, kann hinter der Tapete oder im Putz dahinter ein deutlich größerer Bereich befallen sein. Genau deshalb gehört zur Bewertung eines sichtbaren Befalls oft die Frage, was wir noch nicht sehen.

Geruch als Indikator

Der typische Schimmelgeruch ist modrig, erdig oder muffig. Manche Menschen beschreiben ihn als pilzig oder leicht süßlich. Verursacher sind die schon erwähnten flüchtigen organischen Verbindungen, die Schimmelpilze als Stoffwechselprodukte abgeben. Diese MVOC entstehen während des aktiven Wachstums und sind oft schon wahrnehmbar, bevor man irgendetwas sieht.

Genau das macht den Geruch zu einem wertvollen Indikator. Wenn ein Raum dauerhaft riecht, der vorher geruchsneutral war, ist das ein ernstzunehmendes Signal. Besonders verdächtig ist die Kombination aus Geruch plus erkennbarer Feuchtequelle in der Vorgeschichte, etwa nach einem Wasserschaden, einem undichten Anschluss oder längerer Tauwasserbildung. In diesen Fällen lohnt sich eine systematische Suche nach der Quelle, auch wenn die Sichtprüfung zunächst nichts ergibt.

Die wichtigsten Verdachtsorte für versteckten Befall sind Hohlräume hinter Tapeten und Wandverkleidungen, Dämmschichten unter Estrich, Konstruktionen aus Holz mit eingebauten Hohlräumen, ungelüftete Bereiche hinter eingebauten Möbeln, sowie Stauräume in Bädern hinter Spritzschutz-Verkleidungen. Wer hier mit der Taschenlampe in die Ecken leuchtet, findet oft den ersten sichtbaren Hinweis, der vom Geruch ausging.

Materialprobe, Klebebandabriss, Raumluftmessung

Drei messtechnische Verfahren stehen bei der Schimmelbewertung im Vordergrund, und jedes löst eine andere Aufgabe. Die Materialprobe nimmt ein Stück des befallenen Substrats und untersucht es im Labor mikroskopisch. Sie ist die Methode der Wahl, wenn man wissen will, was genau wächst und ob es sich um eine kritische Art handelt. Sie eignet sich gut für sichtbaren Befall, weil man die Probe gezielt entnimmt.

Der Klebebandabriss arbeitet weniger invasiv. Ein durchsichtiges Klebeband wird vorsichtig auf den Befall gedrückt, abgezogen und auf einen Objektträger geklebt. Im Labor wird der Abdruck mikroskopiert. Vorteil: keine Beschädigung des Bauteils. Nachteil: nur Oberflächendiagnostik, keine Aussage über tiefer eingedrungene Strukturen.

Die Raumluftmessung sammelt aktiv eine definierte Luftmenge durch ein Sammelgerät, das die Sporen auf einer Nährbodenplatte oder einem Filter fängt. Der Befund wird mit einer Außenluftreferenz vom selben Tag verglichen, denn die Außenluft bringt immer eine gewisse Grundlast an Sporen mit. Liegt die Innenraumkonzentration deutlich höher und enthält sie zudem typische Innenraumarten in auffälliger Menge, ist das ein starker Hinweis auf einen Befall, auch wenn er nicht sichtbar ist. Genau deshalb ist die Raumluftmessung das wichtigste Werkzeug bei der Suche nach versteckten Stellen und bei der Freimessung nach einer Sanierung.

Wann eine sachverständige Bewertung sinnvoll ist

Nicht jeder Befall braucht ein Sachverständigengutachten. Eine kleine Stelle in der Dusche, die nach Reinigung verschwindet, ist Alltag und keine Akte wert. Eine sachverständige Bewertung ist immer dann sinnvoll, wenn drei Konstellationen vorliegen.

Erstens bei wiederkehrendem Befall. Wer denselben Schimmel an derselben Stelle zum dritten Mal entfernt, hat eine Ursache, die noch nicht gefunden wurde. Das kann eine Wärmebrücke, eine schleichende Undichtigkeit oder ein bauphysikalisches Problem sein. Eine fachliche Diagnose spart langfristig sowohl Geld als auch Nerven.

Zweitens vor einer Sanierung, wenn das Ausmaß unklar ist. Bei größeren Flächen oder bei Verdacht auf tieferen Befall ist eine Bestandsaufnahme die Voraussetzung für eine sinnvolle Sanierungsplanung. Wer ohne Diagnose loslegt, riskiert zu wenig oder zu viel zu machen.

Drittens bei Streitfragen mit Vermieter, Versicherung oder Bauherr. Ein unabhängiger Bericht ist hier oft die einzige belastbare Grundlage, die die Diskussion beendet. Versicherer und Gerichte erwarten in solchen Fällen schriftliche, nachvollziehbare Befunde mit Probenahme, Laboranalyse und einer fachlichen Bewertung. Wir arbeiten in solchen Fällen mit erfahrenen Sachverständigen aus der Region Stuttgart zusammen.

Was eine Bewertung umfassen sollte

Eine fachlich solide Schimmelbewertung folgt einem nachvollziehbaren Ablauf, der sich in den meisten Fällen in fünf Bausteine gliedert. Erstens die Ortsbegehung mit Sichtprüfung aller verdächtigen Bereiche, oft unterstützt durch Taschenlampe, Endoskop oder Thermografie für die Suche nach versteckten Stellen.

Zweitens die Feuchtemessung an den verdächtigen Bauteilen, um zu klären, ob aktuell noch Feuchte vorhanden ist. Ohne Feuchte kein Wachstum, das ist die einfachste Regel der Schimmeldiagnostik. Drittens, je nach Befund, eine Probennahme: Materialprobe, Klebebandabriss oder Raumluftmessung, einzeln oder in Kombination.

Viertens die Bewertung der Ursache. Wo kommt die Feuchte her? Ist es ein bauphysikalisches Problem, ein technischer Defekt, eine Nutzungssituation? Ohne Ursachenbewertung ist jede Sanierung nur Symptombehandlung. Fünftens schließlich ein schriftlicher Bericht, der alles dokumentiert: Befund, Messwerte, Laboranalysen, Ursachenanalyse, Sanierungsempfehlung. Dieser Bericht ist die Grundlage für jede weitere Entscheidung, ob im Eigenheim, in der Mietwohnung oder im Versicherungsfall.

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